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Im Land der grünen Bestseller
Interview mit Omar Abu al-Qasim al-Kikli

Libyen ist nicht nur das Land der Sanktionen, das Land mutmaßlicher Attentäter. Libyen ist auch das Land der Bücher: 1976 zog sich Revolutionsführer Muammar al-Qadhafi in die Wüste zurück und schrieb. Als er zurückkehrte, hatte er den ersten Band des Grünen Buches verfaß und begründete darin seine Dritte Universaltheorie. Nicht Parlamentarismus wie im Westen, Sozialismus wie im Osten, sondern die Herrschaft der Volksmassen ist seitdem das libysche Staatsmodell. Durch die "Stiftung Grünes Buch" versucht er, diese Theorie in alle Welt zu verbreiten, und wenn Libyen auf deutschen Buchmessen vertreten ist, dann gibt es an seinen Ständen nur dieses eine Buch. Für jeden gratis zum mitnehmen. Unter dem vielversprechenden Titel "Die Erde, die Erde... und der Selbstmord des Astronauten" brachte er vor einigen Jahren einen Kurzgeschichtenband heraus.

Ein schreibender Revolutionsführer – der müßte doch eigentlich ein Herz für Literaten haben. Über solche Vermutungen muß Omar Abu al-Qasim al-Kikli (48) nur lachen. In einem Land, in dem Opposition nicht geduldet wird, haben es auch Schriftsteller nicht leicht. Omar Abu al-Kikli, der gerade seinen ersten Kurzgeschichtenband "Einheimische Produktion" in Libyen herausgebracht hat, schreibt über das normale Leben - mit allem was dazugehört: Er schreibt auch über Politik, Religion und Sex und verletzt so die Tabus, nach denen die staatlichen Zensoren jedes Buch vor und nach der Veröffentlichung durchforsten. Omar Abu al-Kikli gilt als Meister der Andeutungen, des zwischen-den-Zeilen-Schreibens. Daß er auch zwischen den Zeilen sprechen kann, zeigte er in einem Gespräch mit Julia Gerlach in Tripolis.

Sind Sie sicher, daß Sie mir dieses Interview geben wollen. Ich will Sie damit nicht in Gefahr bringen?
Ich weiß schon, was ich tue; was ich sage und was nicht. Ich weiß, daß nur ich selbst für meine Worte verantwortlich bin.

Dann erzählen Sie mir doch, wie Sie schreiben. Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Geschichten?
Am Anfang jeder Geschichte steht eine dramatische Idee. Ein Plot, ein Konflikt. Eine meiner Geschichten handelt beispielsweise von einer Frau, die nachts neben ihrem Mann im Bett liegt. Plötzlich steht sie auf und schaut nach ihrem Kind. Ohne daß sie einen Grund dafür hat, bekommt sie plötzlich Angst um ihren Sohn, geht an sein Bett und betrachtet ihn. Mit dieser Situation fange ich an, erzähle eine Geschichte, die sich während des Erzählens verselbständigt. Ich glaube, eine gute Geschichte entwickelt eine Eigendynamik, die der Autor nicht mehr richtig steuert. Er wird hineingezogen, dadurch entwickelt sie sich.

Sie gelten als Meister des zwischen-den-Zeilen-Schreibens. Planen Sie diese zweite oder dritte Bedeutungsebene vorher?
Natürlich möchte ich eine Botschaft vermitteln. Aber ich glaube, daß in einer guten Geschichte die latente Botschaft nicht unbedingt vom Autor so angelegt wird. Der Leser liest die Geschichte und entdeckt für sich eine Botschaft, die der Autor vielleicht gar nicht geplant hat.

Viele Autoren schreiben, weil sie eine Botschaft vermitteln wollen, weil sie die Welt verändern wollen. Ist das bei Ihnen auch so?
Mich interessiert eigentlich eher der ästhetische Aspekt. Ich will eine gute Geschichte erzählen und bemühe mich, sie sprachlich so perfekt wie möglich zu schreiben. Das Ziel guter Literatur muß sein, ein ekstatisches Gefühl zu erzeugen. Einen Leser interessiert, glaube ich, weniger die politische Aussage, als daß er eine gute Geschichte zu lesen bekommt. Eine, die ihn fesselt.

In Ägypten zum Beispiel klagen Autoren und Intellektuelle, daß alle nur noch politische Ge-schichten schreiben, daß ihnen die Botschaft wichtiger ist als die Form. Sie sagen, daß durch diesen erzieherischen Anspruch – wie man ihn vielleicht nennen kann – die Literatur immer schlechter würde. Ist das auch in Libyen der Trend?
Nein, erst mal muß man sagen, daß es bei uns nicht so viel Literatur gibt. Wir haben so wenige Schriftsteller, daß es schwer ist, von Trends zu sprechen. Ich denke aber, daß bei uns der literarische Ansatz eher ein ästhetischer ist. Das hat vielleicht auch mit der politischen Situation zu tun. Autoren gelten sowieso schon als tendenziell suspekt. Da konzentrieren wir uns lieber auf das Ästhetische. Wir haben also nicht die gleichen Probleme wie unsere Kollegen in Ägypten.

Wie funktioniert denn die Zensur?
Jedes Buch muß vor dem Druck dem Zensor vorgelegt werden. Und dann noch einmal vor der Auslieferung an die Buchhandlungen. Man könnte ja sonst etwas ändern.

Und welches sind die Tabus, die Verbote?
Na ja, Sex natürlich, Religion und Politik.

Worüber können Sie dann überhaupt schreiben?
Zensur erhöht in gewisser Weise die Kreativität des Autors: Er findet Wege, über Themen zu schreiben, ohne sie zu nennen.

Sie sagten vorher, in Libyen gäbe es so wenig Literatur. Woran liegt das?
Dafür gibt es historische Gründe. Libyen war nie ein kulturelles Zentrum, es hat nicht diese literarische und kulturelle Tradition wie Bagdad, Kairo oder Damaskus. Wir waren Beduinen; unsere Kultur liegt in der Wüste. Libyen wurde immer wieder besetzt. Die Römer waren hier, aber sie haben uns keine Kultur gebracht. Dann kamen die Osmanen, die das kulturelle Leben ebenfalls nicht förderten. Die Italiener, die Libyen kolonialisierten, hatten ein anderes Konzept als beispielsweise die Franzosen, die Algerien besetzten und Ägypten eroberten und zumindest den Anspruch erhoben, ihre Kultur zu exportieren. Die Italiener wollten unser Land, aber ohne seine Menschen. Wußten Sie, daß es in Lybien Konzentrationslager gab, in dem die Lybier eingesperrt wurden, noch bevor die Deutschen auf diese Idee kamen. Na ja, und nach den Italienern..., die jetzige Regierung fördert die Literatur nicht, sie hat kein kulturelles Projekt.

Das ist doch erstaunlich. Sie haben doch einen Regierungschef, der selbst Kurzgeschichten schreibt.
Ich werde mich hüten, dies zu kommentieren. Das mangelnde Konzept zeigt sich am deutlichsten an unserem Bildungssystem.

Aber es gibt doch viele Universitäten. In Tripolis allein studieren 90 000 Studenten. Bei einer Bevölkerung von 5 Mio. sind das doch unglaublich viele.
Ja, aber der Ansatz in der Erziehung, ist das Vermitteln von Wissen. Nicht Bildung. Die Studenten werden nicht dazu angehalten, Bücher zu lesen und sich Gedanken zu machen.

Können Sie von Ihren Geschichten leben?
Nein, das ist ganz ausgeschlossen. Ich verdiene mein Geld als ganz normaler Regierungsangestellter.

Sie sagten, die Literaturszene in Libyen sei sehr klein. Wie viele Schriftsteller gibt es denn, und wie sind sie organisiert?
Es gibt vielleicht 200 ernsthafte Schriftsteller, und wir sind eigentlich gar nicht organisiert. Wir diskutieren die Texte unter Freunden. Was uns wirklich fehlt, sind Literaturkritiker. Es gibt eigentlich gar keine Kritiker, die sich mit den Texten auseinandersetzen.

Und wie sieht es mit anderen Künsten aus: Theater oder Film?
Theater gibt es eigentlich nur sehr sporadisch. Es gibt Menschen, die sich dafür interessieren, aber es gibt kaum Möglichkeiten für Aufführungen. Filme gibt es auch, aber von libyschem Kino kann man eigentlich nicht sprechen. Wir Schriftsteller haben es leichter, wir können vor uns hinschreiben und unsere Texte dann in Zeitungen veröffentlichen. Inzwischen funktioniert es auch mit dem Drucken wieder. Das war lange Zeit ein Problem. Es gab bis vor kurzem nur zwei staatliche Verlage, und die hatten dann auch noch finanzielle Probleme, so daß sich die Druckprojekte jahrelang stauten. Jetzt hat das Verlagswesen einen neuen Chef, der selber auch Kurzgeschichten schreibt. Er engagiert sich wirklich, und es wird wieder gedruckt. Außerdem haben wir einige neue private Verlage dazubekommen. Die erste Auflage meines Buches habe ich wegen dieser Probleme in Kairo drucken lassen. Das Buch gab es deswegen hier auch gar nicht zu kaufen. Jetzt erst, in der zweiten unveränderten Auflage steht es auch hier im Buchladen.

Und wer liest Ihre Texte?
Sie richten sich an ein intellektuelles Publikum. Ich glaube, daß dies bei guten Büchern so ist. Ein Bestseller kann gar nicht gut sein, er spricht die Kultur und den Geschmack der Massen an. Und die Kultur der Massen steht meiner Ansicht nach im Widerspruch zu Qualität.

Gibt es denn in Libyen eine Bestsellerliste?
Ich denke, auch zu dieser Frage sage ich nichts. Mein Buch ist auf jeden Fall kein Bestseller. Obwohl besonders die Geschichte "Einheimische Produktion" von Intellektuellen nicht nur in Libyen, sondern in der ganzen arabischen Welt diskutiert wird. Man muß wahrscheinlich die Situation in einem Land der Dritten Welt kennen, um sie komisch zu finden. Diese Geschichte kommt übrigens auch bei einfachen Leuten gut an.

Ist es gefährlich, ein Schriftsteller in Libyen zu sein?
Na ja, wir gelten schon deshalb als suspekt, weil wir Ideen haben, Ideen verbreiten. Es ist nicht ungefährlich... Ich selber zum Beispiel... Nein, das kann ich Ihnen nur erzählen, wenn Sie das Tonband ausmachen.

Das Gespräch führte Julia Gerlach in Tripolis.